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Liebe Türken und Jubilare!

Was heißt hier "getürkt"?
Wie kann eine ganze Nation dafür herhalten, dass Einzelne etwas fälschen ("faken")?
Gibt es: gefinnt, gedeutscht, gepolt, gesyrt, getschecht, gedänt...?
Nein.

Folglich müsste es – auf Indivduen bezogen – heißen:
Getrumpt, gemayt, geputint, geerdogant, gepent, gewildert. Und ab und zu auch gemerkelt (wenn wir uns z. B. die deutschen Rüstungsexporte vergegenwärtigen).

Die zwei folgenden Geschichten haben explizit zur Entstehung des Wortes "getürkt" beigetragen. Sie zeigen uns genau, dass hier nicht die Türken, sondern einzelne Deutsche etwas gefälscht haben, nämlich orientalisch anmutende Kleidung und eine verfälschte Nationalhymne:

Bei der Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Kanals (heute: Nord-Ostsee-Kanal) im Jahr 1895 wurden alle passierenden Schiffe mit der jeweiligen Nationalhymne ihres Landes begrüßt. Als jedoch ein Schiff mit der Flagge des Osmanischen Reiches auftauchte, war der Dirigent ratlos. Denn es gab keine Noten der türkischen Nationalhymne. Um nicht unhöflich zu erscheinen, intonierte das Orchester stattdessen das Lied "Guter Mond, du gehst so stille...", inspiriert vom Halbmond auf der Fahne. Die Hymne war also getürkt – von den Deutschen!

Die zweite Geschichte findet im 18. Jh. statt und bezieht sich auf einen Schachautomaten, gebaut von einem Baron von Kempelen. Hierbei handelte es sich um eine Art Kommode, an deren Seite eine orientalisch gekleidete Puppe montiert war. Im Inneren der Kommode sass ein Schachmeister, der seine Figuren magnetisch oder über Hebel bewegte. Durch diesen raffinierten Trick gewann der "Automat" fast alle Partien. Nachdem der Schwindel aufgeflogen war, sprach man – wie bei der ersten Geschichte – von "getürkt". Auch hier von den Deutschen.

Wie immer: temporär, dynamisch, porös


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